03. 09. 2010 | 02:19    

   seilbahn.net | Themenbereiche | Gastronomie/Skischulen/Skiverleih | 2008-10-03

NACHHALTIGES BAUEN IN ZERMATT

„Nachhaltiges Bauen ist ein hochwirtschaftliches Geschäft“ und sei längst kein Modethema mehr, formulierte jüngst Herbert Lütkestratkötter, Vorstandsvorsitzender der Hochtief AG, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

In Zermatt, am Fusse des Matterhorns, entstehen nun auf 2883 und 3883 m.ü.M. zwei Bauwerke, die Strahlkraft über die Grenzen der Schweiz entwickeln werden: die neue Monte Rosa-Hütte am Gornergletscher und das Glacier restaurant auf Matterhorn glacier paradise (Klein Matterhorn). Beide Gebäude, die Besuchermagnete für Gäste aus der ganzen Welt sein werden, verwirklichen innovative Energiekonzepte auf grosser Höhe an spektakulären Orten, europaweit einmalig. Die Projekte sind vorbildlich betr. nachhaltiger Energiegewinnung und Ressourcenschonung – und das hat Tradition: Die Gornergrat Bahn, erste elektrische Zahnradbahn der Schweiz, gewann bereits vor 110 Jahren bei der Talfahrt Energie zurück, speiste die Energie ins Netz und trieb damit bergwärts fahrende Züge an.1 2005 wurde in Zermatt das Verwaltungsgebäude der EWZ AG (= Elektrizitätswerke Zermatt) eingeweiht. Es war 2005 das erste Minergie-P-Gebäude im sonnenverwöhnten Wallis, mittlerweile gibt es drei. Schweizweit existieren 220 Minergie-P-Gebäude, zum grössten Teil sind es jedoch Einfamilien-Häuser.

Gornergrat Bahn: Energierückgewinnung seit 1898 Die Gornergrat Bahn nutzt seit 1898 die Energie, die bei der Talfahrt abgegeben wird. Die Fahrzeuge der Gornergrat Bahn sind mit Asynchronmaschinen als Fahrmotoren ausgestattet. Bei Bergfahrt läuft die Asynchronmaschine untersynchron, das heisst, sie nimmt Energie aus der Fahrleitung auf, die das Fahrzeug antreibt. Die Asynchronmaschine arbeitet als Motor. Bei Talfahrt läuft die gleiche Asynchronmaschine übersynchron: Sie gibt Energie ab. Diese wird ins Fahrleitungsnetz zurückgespeist. So steht die Energie für andere Fahrzeuge zur Verfügung, oder sie wird über den Transformator in Findelbach wieder dem EWZ zurückgegeben. Drei talwärts fahrende Züge liefern in etwa den Strom für zwei bergwärts fahrende Züge.

Wir orientieren Sie mit Zahlen und Fakten zu drei Gebäuden, die durch Ihren Standort in der Destination Zermatt mit ihren 2 Millionen Logiernächten und Gästen aus aller Welt grosse Aufmerksamkeit erregen werden. Ihre Gestalt ist funktional und futuristisch. Übrigens: Wussten Sie schon, dass fast 70% der in Zermatt benötigten Energie vor Ort Wasserkraft gedeckt wird? Dank der vielen Gletscher und Seen verfügt Zermatt über ein grosses Vorkommen von Wasser, das zur Produktion von sauberer Energie genutzt wird. Neben der Produktion in den Kraftwerken wird ein grosser Teil des „Zermatter Wasser“ durch die Grande Dixence SA abgeleitet und zur Energieproduktion genutzt.

Neue Monte Rosa-Hütte SAC

Die Neue Monte Rosa-Hütte entsteht auf 2883 m.ü.M., 88 Meter über der alten Monte Rosa-Hütte, die vor 120 Jahren vom Schweizer Alpen-Club gebaut wurde. Ihr baulicher Untergrund ist Felsband über der Moräne des Grenzgletschers. Traditionell ist die M R-H Ausgangspunkt von Gipfeltouren zur Dufourspitze, dem höchsten Gipfel der Schweiz, zu Nordend, Signalkuppe sowie Castor und Pollux. Sie ist in drei Stunden ab dem Bahnhof Rotenboden der Gornergrat Bahn zu erreichen.
2007 war das zweitbeste Jahr der SAC-Hütten trotz instabiler Wetterverhältnisse mit insgesamt 332 000 Übernachtungen, einem Plus von 9,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Drei Viertel der Übernachtungen fallen im Sommer an. 52% der Gäste sind Mitglieder des SAC sowie anderer Alpenvereine, doch die Zahl der Nicht-Mitglieder wächst. Die alte M R-H konnte 125 Personen beherbergen und wies im vergangenen Jahr eine Übernachtungsstatistik von 4’650 Logiernächten aus. Die neue M R-H wird 120 Betten haben und bietet insgesamt einen heute gewünschten Komfort mit gleich vielen Sitzplätzen im Esssaal wie Schlafplätze, angenehmen Toiletten usw. Der Bau soll im Herbst 2009 fertig gestellt sein.
www.neuemonterosahuette.ch

Spektakuläre „Höhenflüge“ in Zermatt
Zermatt ist umgeben von 38 4000ern. Zwei von drei spektakulären Aussichtspunkten sind der Gornergrat (3089 m.ü.M.), der traditionelle Ausflugsberg, der vor 110 Jahren mit der Gornergrat Bahn erschlossen wurde, sowie Matterhorn glacier paradise (Klein Matterhorn auf 3883 m.ü.M.) mit Europas höchstgelegener Seilbahn. Auf dem Gornergrat befindet sich das höchstgelegene Hotel der Schweizer Alpen, das 3100 Kulmhotel Gornergrat. 652`487 Gäste besuchten 2007 den Ausflugsberg. Das Klein Matterhorn wurde 1979 mit einer Aussichtsplattform und einfachen sanitären Anlagen erschlossen.

Der Gletscherpalast wurde 1998 gebaut. Mehr als 550`000 Gäste besuchen jährlich Matterhorn glacier paradise.
Beide „Peaks“ bieten Panoramaschau und sind Ausgangspunkt von Bergwanderungen und –besteigungen. Das Breithorn gegenüber dem Klein Matterhorn gilt als leichtester zu besteigender 4000er der Alpen – man nennt ihn auch den „Damenberg“. Im Juli und August gibt es Tage, an denen bis zu 350 Alpinisten (und solche, die es werden wollen) den Gipfel des Breithorns erreichen. Das Kleine Matterhorn wurde 1979 als Europas höchstgelegene Seilbahnstation mit Aussichtsplattform erschlossen. Mittlerweile besuchen jährlich 550.000 Gäste diesen Ort mit bis zu 4000 Gästen am Tag. Die Zermatt Bergbahnen AG haben beschlossen, dem Gipfel eine komfortable und touristische Infrastruktur zu geben. Zur Wintersaison 2008/09 wird das Glacier restaurant mit 120 Sitzplätzen, gepflegten sanitären Anlagen, einer Unterkunft für 40 Alpinisten und das Aussichtsfenster „Peak Gate“ fertiggestellt sein. Jüngst in Betrieb genommen wurden 2 Lifte, die unterirdisch zum Gletscherpalast führen.

Energie- und Wasserversorgung
Die Gebäudetechnik auf Klein Matterhorn geht neue Wege im Umgang mit den knappen Ressourcen Energie und Wasser. Im hochalpinen Klima soll der Energiebedarf weitestgehend über die Sonne gedeckt werden, und das aufwändig hinauftransportierte Wasser soll sorgsam verbraucht und gereinigt der Umwelt wieder abgegeben werden. Das Ziel für das Gebäude war, möglichst alle Stoffkreisläufe zu schliessen, d.h. Verluste zu minimieren.

Energieversorgung vorwiegend durch die Sonne
Die Energieversorgung erfolgt ausschliesslich durch die fassadenintegrierte Fotovoltaikanlage. Durch die konsequente Ausrichtung der Hauptfassade nach Süden und deren Neigung von rund 70° erzielt die Anlage einen hohen Ertrag. Fotovoltaikanlagen im hochalpinen Raum ernten durch die klare Luft und der Reflexion der Umgebung (Schnee) wesentlich mehr Strom als vergleichbare Anlagen im Mittelland. Um den Energieertrag noch weiter zu steigern, wird die Solarfassade hinterlüftet. Die kalte Aussenluft wird aus dem Zugangsstollen gefasst und in die Hinterlüftung der Fassade geleitet. Dadurch wird die Solarfassade gekühlt, was einen positiven Effekt auf deren Wirkungsgrad hat, und die Aussenluft wird zugleich erwärmt. Diese erwärmte Aussenluft wird den Lüftungsanlagen Restaurant und Küche zugeführt. Die solar erwärmte Aussenluft reduziert somit den Heizenergiebedarf des Gebäudes substantiell.
Die grosszügigen Fenster in Kombination mit einer guten Wärmedämmung an der Gebäudehülle ermöglichen die Nutzung passiver Solargewinne. Die Lüftungsanlagen wälzen die eingefallene Solarenergie im Fassadenbereich um und verteilen diese im ganzen Gebäude. Diese thermischen Gewinne werden auch mittels der Wärmerückgewinnung zur Vorwärmung der kalten Aussenluft verwendet. Die passive Energiegewinnung und die Wärmeabgabe der Gäste liefern einen wesentlichen Beitrag zur Deckung des Raumheizungsbedarfs.
Der restliche Heizenergiebedarf, welcher weder durch die Solarfassade noch durch die passiven Energiegewinne gedeckt werden kann, wird mittels einer Wärmepumpe aufbereitet. Die Wärmepumpe nutzt dabei den verbleibenden Wärmeinhalt der Abluft aus den Lüftungsanlagen. Somit ist die Luft, welche der Umgebung wieder abgegeben wird, im gleichen Zustand, wie sie aus dem Zugangsstollen angesaugt wurde – der Stoffkreislauf ist geschlossen.
Die elektrische Energie für die Gebäudetechnik, d.h. Wärmepumpe, Ventilatoren, Heizungspumpen, etc. wird vollständig durch die fassadenintegrierte Fotovoltaikanlage bereitgestellt. Die Fotovoltaikanlage nutzt das vorhandene Stromnetz der Bergbahnen als ‚Speicher’ und gibt die Überproduktion diesem Stromnetz ab. Kann die Fotovoltaikanlage nicht genügend Elektrizität liefern, z.B. an bewölkten Tagen oder in der Nacht, kann die zuvor abgegebene Überproduktion wieder aus dem Netz der Bergbahnen bezogen werden – in der Jahresbilanz liefert die Fotovoltaikanlage mehr Energie als für die Gebäudetechnik gebraucht wird.

Das Gebäude auf dem Kleinen Matterhorn erfüllt damit die Anforderungen an den Minergie-P-Standard und wird bei der Einweihung das höchstgelegene Minergie-P-Gebäude in Europa sein.

Wasserver- und -entsorgung
Das Trinkwasser muss aufwändig auf 3880 m.ü.M. transportiert werden. Es liegt daher in der Natur der Sache, dass damit sorgsam umgegangen wird. Wird das Trinkwasser im Bereich Küche gebraucht, wird das anfallende Abwasser gesammelt und mittels einer mikrobiologischen Kläranlage aufbereitet. Das aufbereitete Grauwasser kann nun für die Toilettenspülung und zum Händewaschen genutzt werden. Überschüssiges Abwasser wird gereinigt der Umwelt in den natürlichen Wasserkreislauf zurückgegeben.
Die geklärten Feststoffe werden in separaten Gebinden gesammelt und mittels Bergbahn ins Tal gebracht. Dieser natürliche innerte Stoff, kann der Zermatter ARA zur umweltgerechten Entsorgung abgegeben werden – auch hier wird der Stoffkreislauf geschlossen. Das Warmwasser wird gleich wie die Heizenergie über die Wärmepumpen aus der Abluft der Lüftungsanlagen aufbereitet. Die notwendige elektrische Energie für die Wärmepumpen wird ebenfalls aus der fassadenintegrierten Fotovoltaikanlage gewonnen.

Investitionskosten: 7,0 Millionen CHF
Zukünftige Pläne zum Ausbau von Matterhorn glacier paradise
Die ZBAG plant, auf dem Gipfel ein weiteres Restaurant mit 400 Plätzen zu bauen. Es soll die Form einer Pyramide haben, die mit Solarzellen verkleidet ist. Es würde das effizienteste Solarkraftwerk der Schweiz werden, das sogar Strom ins Netz abgeben könnte. Auf der Spitze der Pyramide soll eine Aussichtsplattform entstehen.

Was ist Minergie-P?
MINERGIE-P® bedingt ein eigenständiges, am niedrigen Energieverbrauch orientiertes Gebäudekonzept. Ein Haus, das den sehr strengen Anforderungen von MINERGIE-P® genügen soll, ist als Gesamtsystem und in allen seinen Teilen konsequent auf dieses Ziel hin geplant, gebaut und im Betrieb optimiert. Der neue Standard MINERGIE-P® stellt hohe Anforderungen an das Komfortangebot, die Wirtschaftlichkeit und die Ästhetik. Zum erforderlichen Komfort gehört namentlich auch eine gute und einfache Bedienbarkeit des Gebäudes, bzw. der technischen Einrichtungen. Die folgenden fünf Anforderungen müssen eingehalten werden:

  • spezifischer Wärmeleistungsbedarf
  • Heizwärmebedarf 
  •  gewichtete Energiekennzahl 
  •  Luftdichtigkeit der Gebäudehülle 
  •  Haushaltgeräte

EW Zermatt Verwaltungsgebäude/ Schulhaus Trift
Im September 2005 wurde das erste Minergie-P-Gebäude der Kategorie III (Verwaltung) im Wallis eingeweiht: Das EWZ Verwaltungsgebäude. Es steht dort, wo vor 111 Jahren das erste Wasserkraftwerk im Kanton Wallis in Betrieb genommen wurde. Es präsentiert sich als ein schlichter, mit Holz verkleideter und an Funktionalität orientierter Bau. In den ersten Etagen befinden sich 8 Klassenräume, im Dachgeschoss befindet sich die Verwaltung der EWZ. Das Gebäude ist wie das Glacier restaurant luftdicht abgeschlossen und mit einer Lüftungsanlage ausgestattet. Das Gebäude kommt mit einem Zehntel des Energiebedarfs aus, den ein ähnliches Haus vor 20 Jahren noch gebraucht hätte. Das Haus ist mit einer Wärmedämmung, einer 34 cm dicken Wärmeisolation ausgestattet. Gewöhnliche Gebäude haben 14 cm Wärmedämmung. Die Abwärme von Computern, Druckern und Menschen wird zur Beheizung genutzt; zur Ergänzung wird mittels Kollektoren die Kraft der Sonne zum Aufwärmen von Heiz- und Brauchwasser eingesetzt. Mit dieser Wärmegewinnung ist der Heizbedarf des Gebäudes weitestgehend gedeckt. Ein Büroraum braucht nur noch 75kWh Strom, um die restliche Heizenergie abzudecken. Dieser wird zum Teil von einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes produziert. Damit die Raumtemperaturen auch im Sommer nicht zu stark ansteigen, wird die Zuluft in die Räume natürlich gekühlt. Dazu wird Aussenluft zwischen das Gebäude und die Felswand unmittelbar dahinter geführt und in diesem Zwischenraum natürlich abgekühlt.

Investitionskosten: 8,5 Millionen CHF
Facts & Figures über Energiefragen in Zermatt
1890: Erste Diskussionen zur Erschliessung der Zermatter Bergwelt mit Bahnanlagen. Zum Erhalt der reinen Bergluft wurde bereits 1890 beschlossen die Bahnanlagen mit elektrifizierten Antrieben auszurüsten.
1893: In Zermatt entstand das erste öffentliche Wechselstromwasserkraftwerk mit einer Leistung von 160 PS. Dieses diente ausschliesslich zu Beleuchtungszwecken und das nur während der Sommermonate.
1901: Wurde im Kraftwerk auch der Winterbetrieb eingeführt, der Betrieb erlaubte die Beleuchtung zu den Morgen- und Abendstunden während der langen Winter.
1955: Zur Verschönerung des Dorfbildes wurde beschlossen, die mittels Freileitungen erstellten Hausanschlüsse durch Kabel zu ersetzten. Aus dem gleichen Grund werden auch heute, dort wo möglich, die Freileitungen durch in den Boden verlegte Kabelleitungen ersetzt. Aufgrund des Geländes rund um Zermatt lässt sich dieses Vorhaben jedoch nicht überall verwirklichen.

Aus dem Einzugsgebiet von Zermatt mit einer Fläche von rund 228km2 fliessen schätzungsweise 338 Mio. m3 (=338'000'000'000 Liter!) Wasser pro Jahr ins Tal.
Davon werden alleine durch die Grande Dixence rund 240 Mio. m3 genutzt, um elektrische Energie zu produzieren. Mehr als die Hälfte der 400 Mio. m3 Wasser der Stausees Grande Dixence stammen aus der Region Zermatt. Die restliche Wassermenge wird auf dem Weg in die Rhone neben der Energieproduktion in Zermatt auch noch von weiteren Kraftwerksanlagen genutzt.



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