KOBLENZ Die geplante Seilbahn über den Rhein, die während der Bundesgartenschau Koblenz 2011 und in den beiden folgenden Jahren die Innenstadt mit dem Plateau Festung Ehrenbreitstein verbinden wird, ist in die Kritik geraten, weil für die Errichtung der Talstation am Konrad-Adenauer-Ufer fünf Platanen und ein Ahorn gefällt werden müssen. Ein von der Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH beauftragtes und bei der heutigen Unterzeichnung des Konzessionsvertrages mit der Firma Doppelmayr Seilbahnen GmbH vorgestelltes Gutachten hat ergeben, dass trotz dieser notwendigen Fällungen die Ökobilanz der Seilbahn im Vergleich zu einem alternativen Bus-Shuttle-Service für die Besucher durchweg positiv ausfällt – auch unabhängig davon, dass für die zu fällenden Bäume umfangreiche Ersatzpflanzungen im Verhältnis 1:3 vorgesehen sind.
Die Bundesgartenschau Koblenz 2011 findet vom 15. April bis 16. Oktober 2011 auf den beiden innerstädtischen Kernbereichen „Kurfürstliches Schloss“ und „Blumenhof“ sowie auf dem auf der anderen Rheinseite 120 Meter höher gelegenen Plateau Festung Ehrenbreitstein statt. Dieses Flächenkonzept erfordert ein schnelles und ökologisch sinnvolles Transportmittel für die an Spitzentagen bis zu 50.000 erwarteten Besucher, die diese Strecke als Hin- und Rückweg im Rahmen ihres Besuchs zweimal zurücklegen müssen. Zur Lösung dieses nicht zu unterschätzenden Transportproblems favorisiert die Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH eine Kabinen-Seilbahn, welche mit einem verbrauchsarmen Elektromotor bis zu 3.800 Personen pro Richtung pro Stunde zwischen den Bereichen pendeln lassen kann. Dabei würden für jede Fahrtstrecke weniger als fünf Minuten Zeit benötigt. Der Verzicht auf die Seilbahn zugunsten eines Bus-Shuttles wäre zwar eine denkbare, aber mit großen Nachteilen behaftete Alternative – nicht zuletzt deshalb, weil die von jedem Besucher zweimal zu bewältigende Fahrtstrecke von 7 Kilometern Länge aufgrund der ungünstigen Verkehrsverhältnisse 25 Minuten dauern und damit eine erhebliche Belastung für Umwelt, Verkehr und Anwohner darstellen würde. Da die Verbindung der beiden Bereiche Innenstadt und Festungsplateau über den Fährbetrieb und die bereits vorhandene Sesselbahn nur über eine stark eingeschränkte Kapazität verfügt, spielen diese beiden Varianten in dem Gutachten eine untergeordnete Rolle.
Das von einem Fachbüro aus Neuss angefertigte Gutachten stellt die Umweltauswirkungen der beiden Alternativen Seilbahn und Bus-Shuttle gegenüber. Dazu erfolgte eine Berechnung des Energieverbrauchs für die beiden Konzepte über die gesamte Laufzeit der Bundesgartenschau Koblenz 2011, um auf dieser Grundlage den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und anderer Schadstoffe sowie die Lärmbelästigung für das jeweilige Transportmittel aufzustellen. Für den Betrieb der Seilbahn wurden zwei Szenarien untersucht, zum einen der Betrieb der Seilbahn mit konventionellem Strom, zum anderen der von der Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH angestrebte Betrieb der Seilbahn mittels Naturstrom ohne die Nutzung fossiler Brennstoffe für die Energiegewinnung. Bei beiden Betrachtungsweisen wurde davon ausgegangen, dass trotz der Seilbahn schätzungsweise 15 Prozent der Besucher der Bundesgartenschau Koblenz 2011 aus persönlichen Gründen lieber den ebenfalls im Eintrittspreise enthaltenen Bus-Shuttle-Service nutzen, dass auf diesen also nicht völlig verzichtet werden kann. Laut des Gutachtens müssten bei einem reinen Bus-Shuttle-Service an mittelstarken Tagen mit 32.500 Besuchern und einer angenommenen Busauslastung von 65 Prozent 1.000 Busfahrten täglich angeboten werden. Dafür müssten 50 Fahrzeuge eingesetzt werden und im 90-Sekunden-Takt durch den Stadtteil Ehrenbreitstein verkehren. Bei der Nutzung der Kabinenseilbahn müssten stattdessen lediglich 150 Busfahrten täglich für jene 15 Prozent der Besucher angeboten werden, die lieber den ebenfalls im Eintrittspreis inbegriffenen Bus-Shuttle-Service nutzen möchten. Entsprechend den Angaben der Firma Doppelmayr Seilbahnen GmbH zu dem Energiebedarf der Seilbahn und unter Berücksichtigung des Wirkungsgrades der jeweiligen Energieumwandlung und der Transportverluste ergibt sich bei der konventionellen Energiegewinnung einen Primärenergiebedarf für die Seilbahn in Höhe von 1.214 MWh an den 185 Tagen der Bundesgartenschau Koblenz 2011. Bei der von der Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH angestrebten regenerativen Energieerzeugung liegt der Primärenergiebedarf der Seilbahn bei lediglich 892 MWh für den Veranstaltungszeitraum. Grundlage des zu berechnenden Kraftstoffverbrauchs der Busse ist eine eingehende Betrachtung der 7 Kilometer langen Strecke von der Innenstadt hoch zum Plateau Festung Ehrenbreitstein hinsichtlich der Verkehrssituation und der Steigungen. Bei zusätzlicher Berücksichtigung des Wirkungsgrades der Rohölförderung ergeben sich daraus ein Primärenergieverbrauch der Busse von insgesamt 4.036 MWh bei einem reinen Bus- Shuttle-Service und ein Primärenergiebedarf von 605 MWh bei einem die Seilbahn ergänzenden Bus-Shuttle-Service für jene 15 Prozent der Besucher, die voraussichtlich die Nutzung des Busses bevorzugen.
Stellt man die Primärenergieverbräuche der beiden Beförderungskonzepte gegenüber, so zeigt sich, dass der Energiebedarf des reinen Bus-Shuttles im Vergleich zur Kombination Seilbahn mit ergänzendem Bus-Shuttle-Service mehr als doppelt so hoch ist. „Aus diesem Grunde ist aus Sicht des Energieverbrauchs das Konzept der Seilbahn eindeutig zu bevorzugen“, resümiert Richard Dohmen, Geschäftsführer der Ingenieurgesellschaft Stolz GmbH, die dieses Gutachten angefertigt hat.
Noch deutlicher wird diese Einschätzung bei einem Vergleich der Schadstoffemission. So werden bei einer einfachen Strecke 8,35 kg Kohlendioxid ausgestoßen, was bei einem reinen Bus-Shuttle-Service für die gesamte Dauer der Bundesgartenschau Koblenz 2011 insgesamt 881 Tonnen Kohlendioxid-Emission ergeben würde. Bei der Kombination der Seilbahn mit einem reduzierten Bus-Shuttle-Service beliefe sich diese Summe auf 403 Tonnen Kohlendioxid-Emission und würde sich bei Verwendung von Naturstrom noch auf 142 Tonnen Kohlendioxid-Emission verringern. Ähnlich gut schneidet die Seilbahn bei der Betrachtung des Ausstoßes von Stickstoffoxid und Feinstaub im Vergleich zum reinen Bus-Shuttle-Service ab.
Der Ersparnis von 478 Tonnen bzw. bei der angestrebten Verwendung von Naturstrom von 739 Tonnen Kohlenstoff-Dioxid steht der Verlust der fünf über 100 Jahre alten Platanen am Konrad-Adenauer-Ufer entgegen, deren Bindung von Kohlendioxid im Rahmen der Ökobilanzierung ebenfalls berücksichtigt werden muss. In Anlehnung an verschiedene Untersuchungen kann davon ausgegangen werden, dass durch die fünf Platanen während der Dauer der Bundesgartenschau Koblenz 2011 insgesamt 200 Kilogramm Kohlenstoffdioxid gebunden worden wären. Würde man die Platanen nicht fällen, könnten diese bei einer angenommenen Restlebensdauer von rund 30 Jahren insgesamt etwa 6 Tonnen Kohlenstoffdioxid binden. „Dies ist allerdings eine sehr optimistische Berechnung, da davon auszugehen ist, dass mit zunehmendem Alter der Bäume Teile der Krone beziehungsweise auch des Wurzelwerkes absterben und somit wieder Kohlenstoffdioxid freigesetzt wird“, so Dohmen. Somit könnten die fünf Platanen die zusätzliche Emission von Kohlenstoffdioxid bei einem reinen Bus-Shuttle-Service im Vergleich zur Seilbahn nicht annähernd auffangen. Die Seilbahn schneidet auch bei einem Vergleich der jeweiligen Lärmbelastung besser ab, da diese bei der Seilbahn unterhalb des vorgeschriebenen Grenzwertes liegt und sich in deren Nahbereich nur etwa 60 Anwohner befinden. Dagegen leben an der 7 km langen Strecke des Bus-Shuttles etwa 3000 Menschen.
Hanspeter Faas, Geschäftsführer der Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH, hatte keinen Zweifel daran, dass die Ökobilanz der Seilbahn positiv ausfallen würde: „Trotzdem überrascht mich die errechnete Höhe des durch die Seilbahn vermeidbaren Schadstoffausstoßes.“ Derzeit steht die Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH in Verhandlungen mit diversen Anbietern von Naturstrom, um für die Seilbahn ein Maximum an Umweltverträglichkeit zu erreichen. Faas ist sich jedoch bewusst, dass der emotionale Aspekt des Verlustes der fünf Platanen nicht in Zahlen zu messen ist: „Wir werden zeitnah im Verhältnis 1:3 im direkten Umfeld der Talstation Ersatzbäume pflanzen und dafür Sorge tragen, dass sofort nach dem Abbau der Seilbahn im Winter 2013/14 an die alten Standorte wieder fünf große Platanen gepflanzt werden.“